Dr. Marianne Schröter

Kurzvita

Forschungsschwerpunkte

Hermeneutik und Hermeneutikgeschichte, Aufklärungstheologie, Methodologie der Theologie, Religionstheorie, Universitätsgeschichte

Ausgewählte Publikationen

Forschungsprojekt (Arbeitsthema)

Das Verhältnis von Theologie und Religionswissenschaft

Seit geraumer Zeit wird eine Neukonjunktur religiöser Themen konstatiert, die im Stichwort "Wiederkehr der Götter" (Friedrich Wilhelm Graf) vielleicht ihren pointiertesten Ausdruck gefunden hat. Dieses wiedererwachte Interesse hat sich auch im wissenschaftlichen Diskurs niedergeschlagen. Das Thema Religion kann folglich nicht mehr als exklusiver Gegenstand der traditionell mit ihm befassten Disziplinen – also Theologie einerseits und Religionsphilosophie, Religionssoziologie, Religionspsychologie und Religionswissenschaften andererseits – reklamiert werden.

Diese Diversifizierung deutete sich bereits in der Aufklärung an und speiste sich schon dort aus heterogenen Motiven. Zu nennen sind das Interesse an fremden Kulturen, die religionskritische Distanz zur eigenen konfessionellen Herkunft, die anthropologische Einordnung der Vielfalt religiöser Phänomene und nicht zuletzt der durchgängige Prozess der Rationalisierung der Lebenswelten. Man braucht sich nur die Entwicklung vom frühen Deismus zu den großen Gestalten der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts (David Hume, Immanuel Kant, Johann Gottfried Herder) zu vergegenwärtigen, um die Ausweitung der Perspektive verglichen mit der klassischen Dogmatik zu ermessen. So war es bereits Friedrich Schleiermacher, der die Religionswissenschaft als eine der Basisdisziplinen der Theologie einforderte, wohl wissend, dass es dieses Fachgebiet noch nicht gab. Umgekehrt kam es ab der Mitte des 19. Jahrhunderts zur Einlösung des Programms, die Beschreibung von Religion auf ethnologische Forschungen zu stützen (Adolf Bastian, Franz Boas). Wesentlich von der Ethnologie und aufkeimenden soziologischen Interessen angeregt waren religionsgenetische Theoriebildungen wie Animismus (Edward Burnett Tylor), Präanimismus (Robert Ranulph Marett), Magie (James George Frazer), Totemismus (William Robertson Smith) oder Urmonotheismus (Wilhelm Schmidt). Auch wenn diese Ausrichtung ihrerseits eine Vielzahl von Fragen aufwarf und manche Selbstkorrekturen einschloss, ist sie doch eine maßgebliche Orientierung geblieben (Èmile Durkheim, Bronislaw Malinowski, Edward Evan Evans-Pritchard, Claude Lévi-Strauss).

Einen anderen Weg verfolgte die anfangs des 20. Jahrhunderts sich herausbildende Religionsphänomenologie. Die unter dem Signum einer Phänomenologie des 'Heiligen' unternommenen Versuche, dem Religiösen eine basale Interpretationskategorie zu eröffnen (Nathan Söderblom, Rudolf Otto, Friedrich Heiler und dann Gerardus van der Leeuw, Gustav Mensching oder Mircea Eliade), schienen zunächst in der Lage zu sein, die Spannung von archaischen Kulturen und Hochreligionen zu überbrücken, haben sich jedoch – auch aufgrund ihrer abendländisch-theistischen Verwurzelung – als methodisch fragwürdig erwiesen und spielen daher heute kaum mehr eine Rolle. Umgekehrt führte um 1900 der Aufstieg der Religionssoziologie (Max Weber) und Religionspsychologie (William James) auch zu einer Präzisierung der religionswissenschaftlichen Aufgabe. Die Frage, welchen Beitrag Religion bei der Steuerung des individuellen und sozialen Verhaltens leistet, bildete einen Schwerpunkt ihrer Beschreibung.

Eine ganz eigene Herausforderung ergab sich mit dem Problem, wie sich die Theologie zu dem neuen Fach Religionswissenschaft ins Verhältnis setzen sollte. Hier kam es um die Wende zum 20. Jahrhundert zu einer prominenten Kontroverse: Auf der einen Seite stand Adolf von Harnack. Er mahnte für alle Religionskulturen eine strikt historische Betrachtung unter Einbezug der dafür notwendigen philologischen und kulturgeschichtlichen Detailkenntnisse an und erwartete deshalb von einer vergleichenden Religionswissenschaft relativ wenig Aufschlüsse. Seiner Auffassung nach habe die Theologie über die Beschäftigung mit den die jüdisch-christliche Tradition unmittelbar berührenden Fremdreligionen hinaus keinen zusätzlichen Gewinn für ihre wissenschaftliche Aufgabe zu erwarten Umgekehrt war Ernst Troeltsch der Meinung, dass die historische Kenntnis einer Religion solange unvollständig bleibt, solange sie nicht zu anderen in Beziehung gesetzt wird. Deswegen forderte er eine Ergänzung der genetischen Erklärung durch eine allgemeine Religionswissenschaft, gründend auf den Prinzipien von Analogie und Korrelation. Die skizzierte Differenz fand ihren methodischen Ausdruck in der Spannung von Historischer Theologie und Religionsgeschichtlicher Schule.

Eine Kontroverse dieses Zuschnitts hat es seither nicht wieder gegeben, aus Gründen, die auch mit dem inneren Gang der Theologiegeschichte des 20. Jahrhunderts zu tun haben – ich denke an das Aufkommen und die Etablierung der Dialektischen Theologie, die auf fast alle theologischen Fächer ausgestrahlt hat. So geriet die Entfremdung von Theologie und Religionswissenschaft zum Dauerzustand. Auf der anderen Seite wurde dies unterstützt durch den Sachverhalt, dass die Religionswissenschaft, ihrer ethnologischen Ausrichtung zufolge, sich vorrangig auf die Erforschung archaischer Kulturen und schriftloser Religionen fokussierte und vergleichsweise wenig Interesse an den sog. Hochreligionen zeigte. Diese wurden in der Folge dieser Fokussierung weithin zum Gegenstand von Spezialwissenschaften wie der Indologie, Japanologie oder Sinologie. Erst neuerdings beginnt sich die Religionswissenschaft stärker für den Bereich der Hochreligionen zu interessieren. Unterstützt werden diese Anstrengungen durch die Einsicht, dass angesichts der Interreligiosität und Interkulturalität der globalisierten Welt eine Beschränkung von Wahrnehmungsperspektiven dem fraglichen Phänomenbestand nicht mehr gerecht wird.

Man kann indes nicht sagen, dass dieser Wandel sich bereits methodisch und in der Definition der Disziplinen niedergeschlagen hätte. Das Interesse der Theologie wie der Religionswissenschaft füreinander ist immer noch unterentwickelt. Beide bewegen sich weithin in einem unproduktiven Nebeneinander, das die faktischen Berührungs- und Überschneidungspunkte kaum erkennen lässt. Sowohl die innertheologischen als auch die innerreligionswissenschaftlichen Diskurse setzen nach wie vor eher auf Abgrenzung. Demgegenüber soll in dem hier vorgestellten Projekt die Maxime leitend sein, beide Disziplinen in ein konstruktives Gespräch zu bringen. Es ist klar, dass dies nur gelingen kann, wenn die Weite des Phänomenbereichs und die Vielfalt seiner Erschließungsmethoden in Rechnung gestellt werden.