Historisierung und Subjektivität

Dr. Moritz Baumstark (Nachwuchsforschergruppenkoordinator)
Robert Forkel, M.A.
Marc Weiland, M.A.

Die Nachwuchsforschergruppe untersucht spezifische Denkformen und Praktiken einer sowohl historischen als auch systematischen Aufklärungskonzeption und nimmt daher neben der Epoche der historischen Aufklärung auch die Konturierungen der Moderne durch die Aufklärung in den Blick. Dabei geht sie von der These aus, dass neben 'freiem Selbstdenken', kritischer Reflexivität und dem Bemühen um ästhetische Prägnanz, mit denen Aufklärung gemeinhin identifiziert wird, die Dimensionen von Historisierung und Subjektivität eine konstitutive Rolle spielen.

Der Begriff der Historisierung bezeichnet im Unterschied zu 'Historizität' und 'Historismus' einen Prozess, durch den etwas Gegebenes als Gewordenes verstanden und dargestellt wird. Vergangene Epochen und ihre kulturellen Konstellationen werden kritisch gewürdigt und ggf. auf Abstand gebracht, wobei sich Quellenkritik als unerlässliches Instrument erweist. Dieser Prozess ist keineswegs als wertneutral zu verstehen, vielmehr erstreckt er sich auch auf die Einsicht in das Gewordensein normativer Erwartungen und Geltungsansprüche. Damit fungiert die Methode des Historisierens als Verfahren der Kritik und Distanzgewinnung gegenüber dem vermeintlich Selbstverständlichen und schafft eine Grundvoraussetzung, die es erlaubt, autoritative Geltungsansprüche, die einer Prüfung vor dem Forum gegenwärtiger Vernunft nicht standhalten, zurückzuweisen oder gar zu destruieren. Eine so verstandene Historisierung steht in Opposition zu traditionellen, etwa auf Alter oder Herkunft begründeten Autoritätskonzeptionen, und kann somit als Aufklärungspraxis verstanden werden. Historisierung schafft Offenheit für Neues, wodurch sie zum Ausgangspunkt eines vielfältig in Angriff zu nehmenden Fortschritts wird. Einerseits erlaubt dies, Ziele für das eigene Handeln zu formulieren und in einen Horizont sinnvoller geschichtlich-sozialer Entwicklung zu stellen. Andererseits erscheint die damit evidente Gestaltbarkeit des geschichtlichen Prozesses infolge der zunehmenden Einsicht in dessen Komplexität und Eigendynamik in ihren Realisierungsmöglichkeiten zugleich wieder begrenzt.

Demgegenüber steht der Begriff der 'Subjektivität' dafür, die Erfahrung, Teilhabe und Selbstbestimmung der Einzelnen als unhintergehbar anzuerkennen, ohne damit weitere Bildung, Verfeinerung und Selbsteinsicht abweisen zu müssen. Als fundamental können dabei sowohl Gefühle und Erlebnisse als auch Konzeptionen einer sich selbst durchsichtig werdenden Subjektivität angesehen werden. 'Subjektivität' ist folglich im Spannungsfeld zwischen dem Allgemeinen von Autonomie und dem Besonderen von Individualität zu verorten, in dem historisch entstandene Ansprüche einer kommunikativ und konsensual begründbaren, intersubjektiven Verständigung privaten Interessen gegenüberstehen, welche bis zur bloßen Willkür reichen können.

Im Zentrum des Erkenntnisinteresses der Forschergruppe steht deshalb das komplexe Wechselverhältnis zwischen Prozessen der Historisierung und Dimensionen der Subjektivität. Historisierungsprozesse werden von Subjekten vollzogen, die sich innerhalb dieses Vollzugs nicht nur selbst historisieren, sondern auch ins Verhältnis zur Geschichte setzen und sich in dieser verorten. Demnach führt das aufklärerische Historisieren zu einer Offenlegung und Veranschaulichung des Zusammenhangs zwischen dem 'Makrokosmos’ der Geschichte und dem 'Mikrokosmos’ des Subjekts. Indem Geschichte vom Subjekt her gedacht wird, dient die Beschäftigung mit ihr zugleich der Selbstvergewisserung dieses Subjekts. Die mit den Stichworten 'Historisierung' und 'Subjektivität' umrissene Dialektik bildet ein prozessuales Regulativ des Aufklärens und ermöglicht eine innere Reflexivität, die sich als wegweisend für zentrale Denkfiguren und Vollzugspraktiken der Moderne erwiesen hat.

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